Foto-Theorie NEU gelesen: Katharina Sykora und die Ästhetisierung des Todes

Dass die Auseinandersetzung mit der Fotografie stets auch von Metaphern begleitet wurde, ist eine banale Erkenntnis. Zu diesem Thema liegt bereits ausreichend Literatur vor. Eine besonders frühe und zudem gern bemühte bemühte Metapher ist die des Todes. Ihr widmete die Kunsthistorikerin Katharina Sykora zwei, 2009 und 2015 erschienene Bände unter dem Titel „Die Tode der Fotografie“.

Sykora, die von 2001 bis 2018 an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig als Professorin für Kunstgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts lehrte und sich in diesem Zusammenhang besonders auch der Theorie und Geschichte der Fotografie widmete, schuf damit ein Standardwerk zum Thema. Ich werde im Folgenden keineswegs dieses thematisch überaus reiche  Kompendium in toto vorstellen, sondern beschränke mich auf den kurzen Ausschnitt des zweiten Bandes mit dem Titel „Eine fotografische Ästhetik des Todes“, den Peter Geimer in seinem Band 5 der Theorie der Fotografie aufgenommen hat.

Sykora konzentriert sich hier auf die künstlerische Reflexion, die „ein besonderes Verhältnis zum Tod“ (S. 201) unterhalte, da die relative Bilderlosigkeit der eigenen Todeserfahrung paradoxerweise eine besonders umfangreiche Bildproduktion hervorbringe. Das zeigt sich, so Sykora, im Falle der Darstellung von Leichnamen. Sie eignen sich, wie sie in Anknüpfung an Bourdieu meint, besonders zur medialen Selbstreflexion der Fotografie. Sykora zieht ihre Anregungen zur bildtheoretischen Debatte dabei über den Umweg der Auseinandersetzung mit der Theorie der Abjekte der französischen Philosophin Julia Kristeva und kommt so zu dem allgemeinen Schluß: Die Fotografie zeigt den Körper in einem fortgesetzten Prozess der Ablösung von sich und der Welt. Kommt zusätzlich das Motiv des toten Körpers ins Bild, vollzieht sich vor unserem Auge der Abschluss dieses Ablösungsprozesses im Bild des Anderen. (…) Totenfotografien haben für ihre Betrachter daher ein gesteigertes Potenzial des Objekten: als indexikalischer `Auswurf„ des Referenten, als abstoßendes Sujet und als das Objekte der Schauenden selbst.“ (S. 207)  

Keine Angst, in den beiden Bänden von Sykora geht es nicht nur um derart grundlegende Reflexionen, sondern auch um Fallbeispiele. Ob diese dann auch die hier gemachten Aussagen fruchtbar machen können, sollte jede Leser*in selbst entscheiden. Fraglich aber bleibt, ob die soeben knapp zusammengefassten, zweifellos verführerischen Reflexionen zum Verhältnis von Betrachtenden, Bild und Motiv nicht vorrangig einem einem fotografischen Bildgedanken des 19. Jahrhunderts gelten und / oder inwieweit sie wirklich allein auf ein künstlerisches Foto des Leichnams anzuwenden sind: wieviele derselben gibt es nach Arnulf Rainers Überlassungen eigentlich noch? 

Diese Fragen sollten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Anstrengung der umfangreichen Lektüre dieser beiden Bände zweifellos lohnt, wenn man nicht so fixiert auf die künstlerische Fotografie des 21. Jahrhunderts ist. Wie gesagt: Sykoras Steinbruch der Gelehrsamkeit ist kunstheoretisch ein unverzichtbarer Bestandteil jeder Foto-Bibliothek.

Katharina Sykora, Die Tode der Fotografie, 2 Bde, Paderborn 2009 + 2015

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

− 1 = 9